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3.2 Die anthropozentrische Sicht
3.2.1 Verschiedene anthropozentrische Positionen
Die zentrale ethische Frage lautet: Wer oder was zählt zum moralischen Universum? Anders gefragt: Gegenüber wem oder was haben wir direkte moralische Verpflichtungen? Wem oder was kommt eine Würde zu, die respektiert werden muss?
In diesem Abschnitt beschäftigen wir uns freilich nur mit der anthropozentrischen Sicht auf das moralische Universum. Zunächst können wir feststellen: Die anthropozentrische Sichtweise in der Umweltethik ist völlig menschenzentriert. Jedoch auch innerhalb der engen Grenzen des moralischen Universums, das als ein streng menschliches Universum angesehen wird, zeigen sich verschiedene Möglichkeiten, unsere zentrale Frage nach dem Gegenstand von Wertzuschreibungen zu beantworten. Die wichtigsten möglichen Antworten sind (wir folgen hier Krebs 1999: 19 f.): Einen moralischen (intrinsischen) Wert an sich selbst
1. besitze nur ich selbst (Egoismus)
2. besitze ich, meine Familie und meine Freunde (kleine Gruppe Egois¬mus)
3. besitzen alle Personen meiner sozialen Klasse (Klassendenken)
4. besitzen alle Bürger meines Landes (Nationalismus)
5. besitzen alle Menschen meiner Rasse (Rassismus)
6. besitzen alle Personen meines Geschlechts (Sexismus)
7. besitzen alle lebenden menschlichen Wesen (gegenwartsbezogener Universalismus)
8. besitzen alle jetzt lebenden menschlichen Wesen sowie jene der Vergangenheit (Universalismus einschließlich der Vergangenheit)
9. besitzen alle jetzt lebenden menschlichen Wesen und jene in der Zukunft (Universalismus einschließlich der Zukunft)
Angesichts dieser Abfolge, in der jeweils die nachfolgende Position die Grenzen des moralischen Universums erweitert, gilt eine moralische Theorie dann als anthropozentrisch, wenn sie sich auf eine der Positionen zwischen 1 bis 9 hinsichtlich der Grenzen des moralischen Universums beschränkt und alles, was nicht-menschlicher Natur ist, von einer direkten moralischen Fürsorge ausschließt. Von einer erweiterten („physiozentrischen“) Perspektive her, die auch die nicht-menschlichen Wesen in das moralische Universum mit einbezieht, kann dieser anthropozentrische Standpunkt als ein „Spezies-Egoismus“ oder „Speziesismus“ (wie es Peter Singer nennt: Singer 1975) erscheinen oder sogar als eine Form von „menschlichem Chauvinismus“ (siehe Routley/Routley 1979).
Die oben genannte Abfolge bildet also eine hierarchische Struktur, die das Blickfeld des Anthropozentrismus mehr und mehr erweitert, jedoch innerhalb der Grenzen des Menschlichen verbleibt. Wir können hier zwar nicht alle diese unterschiedlichen Positionen im Einzelnen diskutieren, aber die anthropozentrische Position Nr. 9 ist insofern von besonderem Interesse, als sie nicht nur die lebenden Menschen der Gegenwart einbezieht, sondern auch die der Zukunft! In der Tat werden ja die Chancen zukünftiger Generationen auf ein gutes Leben durch das, was wir heute der Natur antun, erheblich verringert. Wenn moralischer Respekt im Respekt vor dem Recht auf ein gutes Leben aller anderen besteht, dann muss er auch das gute Leben zukünftiger Generationen mit einbeziehen. Es ist schwer vorstellbar, welches stichhaltige Argument gegen diesen Ansatz vorgebracht werden könnte. Oder wie Angelika Krebs sagt (Krebs 1999: 20): „Disregarding the good life of those who come after us, who have a different position in time, is parallel to disregarding the good life of those who have a different position in space, for instance people in the Third World. If the second is immoral, the first must be immoral too.” Allerdings ist nicht unbedingt klar, wie die Zukunft aussehen wird und was zukünftige Generationen für ein gutes Leben benötigen werden. Das können wir zwar nicht genau wissen, gleichwohl gibt es einige grundlegende Bedürfnisse der kommenden Generationen, die wir uns vorstellen (antizipieren) können: obwohl wir ihre persönlichen und kulturspezifischen Möglichkeiten für ein gutes Leben nicht exakt kennen können, lässt sich einiges darüber sagen, was auch zukünftige Generationen wohl als not-wenig für ein gutes Leben erachten dürften: „They will, for example, want to be healthy and many of them will want to enjoy clear summer days. If we destroy the ozone layer and future generations must remain indoors to avoid skin cancer, how could this be morally right?” (Krebs 1999: 20)
Wir können sagen: Unter der Voraussetzung der Sicherung ihres Fortbe¬stands werden auch künftige Generationen genau dieselben moralischen Rechte beanspruchen wie die heutigen Generationen, einschließlich des Rechts zu leben. Deshalb kann eine anthropozentrische Ethik mit guten Gründen von uns Heutigen die Verpflichtung einfordern, die Umwelt um des menschlichen Wohlergehens und Wohlstands willen in Gegenwart und Zukunft zu respektieren. Jedenfalls ist es offensichtlich, dass die Handlungen, die wir heute vollziehen, einen großen Einfluss auf das Wohlergehen künftiger Generationen haben werden (vgl. Gewirth 2001). Obwohl es keine Gegenseitigkeit zwischen den Generationen gibt (weil zukünftige Generationen nichts für uns tun können, wohl aber wir für sie) und ein gewisses Problem der „Nicht-Identität“ besteht (weil wir nicht genau wissen können, wer und wie die zukünftigen Menschen sein werden; vgl. Parfit 1984), kann man argumentieren, dass wir moralisch verpflichtet sind sicherzustellen, dass auch künftige Generationen ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen vermögen. Dies zwingt uns beispielsweise dazu, „über das Ausmaß an Schadstoffemissionen, den Raubbau an natürlichen Ressourcen, über Klimaveränderung und Bevöl¬kerungswachstum nachzudenken und unser Verhalten entsprechend zu korrigieren“ (Cochrane 2007).
3.2.2 Instrumenteller Wert der Natur
In der anthropozentrischen Sichtweise haben Tiere, Pflanzen, Ökosysteme und die gesamte Natur nur einen „Wert“ in Bezug auf die Menschen und ihre Interessen. Zumeist wird der Wert, den sie besitzen, „instru¬menteller Wert“ genannt. Die wichtigste Konsequenz in Bezug auf den Umwelt- und Naturschutz ist aus dieser Perspektive: Der einzig akzeptable Grund, die Natur zu erhalten und zu kultivieren, besteht darin, dass die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse – wie die Ernährung des Körpers und die Erhaltung der Gesundheit – von der Natur abhängig ist. Die Natur (insbesondere in Hinsicht auf die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen) ist eine Vorbedingung für unser biologisches, ökonomisches und soziales Leben; ohne eine intakte Natur ist menschliches Leben auf Dauer nicht möglich.
In einer anthropozentrischen Sichtweise ist die Natur (sind Luft, Wasser, Mineralien, Tiere, Pflanze usw.) notwendig und wertvoll für den Menschen – aber eben auch nur in diesem Sinne wertvoll! Es gibt keinen anderen Grund, die Natur als solche moralisch wertzuschätzen, da sie keinen Wert an sich, sondern nur in Bezug auf menschliche Interessen besitzt. Auch die Zurückhaltung im Verbrauch natürlicher Ressourcen (wie Tiere, fossile Brennstoffe, Mineralien etc.) kann nur in Bezug auf die Bedürfnisse und Interessen der heutigen oder allenfalls künftiger Generationen gerechtfertigt werden.
Auch die Diskussion von „nachhaltiger Entwicklung“ konzentriert sich häufig auf bestimmte Formen von Ressourcen-Management mit der Betonung auf soziale Gerechtigkeit und dem Wohlergehen zukünftiger Generationen (vgl. Palmer 2008: 18). Tatsächlich klingt auch die am häufigsten zitierte Definition von nachhaltiger Entwicklung, die in den Bericht der World Commission on Environment and development (WCED) – „Our Common Future” (1987) – übernommen wurde, ausgesprochen anthropozentrisch: „Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.”
In dieser Sichtweise brauchen wir eigentlich keine spezielle Umweltethik, da jede Ethik immer menschliche Ethik ist. Werte sind stets sowohl von Menschen erzeugt als auch auf Menschen bezogen Im Prinzip besitzen nur Menschen einen „moralischen Status“ und kommen als „moralisch Handelnde“ in Betracht. In Übereinstimmung mit dieser sehr strikten anthropozentrischen Sichtweise müssen wir freilich unterscheiden zwischen „direkten Pflichten“ gegenüber allen Wesen mit moralischem Status einerseits (Menschen) und „indirekten Pflichten“ in Bezug auf alle anderen Wesenheiten (Tiere, Pflanzen etc) andererseits. In anthropozentrischer Sicht ist die Natur ethisch allenfalls in einer indirekten Weise dann von Wert, wenn und nur wenn sie einen Beitrag für die Befriedigung der Bedürfnisse und Interessen des Menschen leistet. Folglich haben wir zu unterscheiden zwischen einem (möglichen) „Wert in der Natur“ und einem „Wert der Natur“ (Palmer 2008: 17): aber nur das zweite wird von strengen Anthropozentrikern wie William Baxter akzeptiert, weil es für sie keine intrinsischen Werte in der Natur selbst gibt. Wenn wir von einem „Wert der Natur“ sprechen, dann schreiben wir also der Natur nur in Bezug auf unsere eigenen Interessen an der Natur einen Wert zu. Unabhängig vom Menschen würde es überhaupt keine ‚natürlichen’ Werte geben.
Diese strenge anthropozentrische Sicht steht jedoch in scharfem Gegensatz zu den intuitiven Gefühlen vieler Menschen gegenüber der Natur: sie wertschätzen und lieben die Natur (natürliche Wesen wie Pflanzen und Tiere oder auch Landschaften, Gebirge und Meere) um ihrer selbst willen, nicht nur aufgrund instrumenteller Motive. Moderate (gemäßigte) anthropozentrische Philosophen räumen daher ein, dass wir mehr als nur instrumentelle Interessen gegenüber Umwelt und Natur hegen können: sie vertreten die Auffassung, dass es für die anthropozentrische Argumentation nicht notwendig ist, nur die pragmatischen und uti-litaristischen Aspekte unserer Wechselbeziehungen mit der Natur zu betonen. Ohne die anthropozentrische Position zu verlassen, können wir in einer ästhetischen oder kontemplativen (sogar meditativen) Weise in Kontakt mit der Natur kommen (mehr passiv als aktiv, eher sich erfreuend als in einem technischen Sinn benutzend).
3.2.3 Ästhetische und andere Werte der Natur
Mit anderen Worten: Gemäßigte Anthropozentriker räumen oft ein, dass wenigstens ein ästhetisches (und/oder kontemplatives ) Argument zugunsten des Naturschutzes der instrumentellen Sicht auf die Natur durchaus hinzugefügt werden kann: sie begründen dann das Bedürfnis und die Motivation zur Erhaltung und Kultivierung der Natur mit deren sinnlichen Reizen auf uns, mit der Lust beispielsweise, die wir beim Einatmen frischer Seeluft empfinden.
Über eine enge instrumentalistische Perspektive hinaus lassen sich der Natur mithin ästhetische und kontemplative Werte beimessen. Solche Werte gleichen den (von nicht-anthropozentrischen Ethikern vermuteten) „intrinsischen Werten” der Natur, weil diese Werte als „Werte der Natur in sich selbst” erscheinen; nichtsdestoweniger würden sie, wie sie an-thropozentrischen Ethiker sagen, der Natur vom Menschen nur „attributiert“ (zugeschrieben): sie erhalten ihre Existenz nur durch den Menschen und dessen ästhetische und kontemplative Praxis. Zu beachten sei zudem, dass ästhetische und kontemplative Werte eine andere Qualität als moralische oder ethische Werte aufweisen! Andererseits: Für viele Menschen bedeutet der Ausdruck „kontemplativer Wert” nicht nur, dass die Natur eine ästhetische Ressource für uns darstellt, sondern auch, dass die Natur an sich selbst außerordentlich schön und erhaben ist! An dieser Stelle geht die anthropozentrische Position in eine epistemische und ontologische Position über (obwohl nicht in einem moralischen Sinn).
Dennoch verneinen einige Anthropozentriker diese ontologische Implikation und argumentieren, dass es keine vom Menschen unabhängige ästhetische Qualität der Natur an sich selbst gibt; dass der Natur also ein ästhetischer oder kontemplativer Wert nur dann eignet, wenn ein Mensch die Schönheit und Erhabenheit der Natur wertschätzt. Der/die Leser/in dieses Buches sollte für sich selbst überlegen, ob Natur einen genuinen ästhetischen Wert besitzt oder nicht. Er/sie kann zu diesem Zweck ein oft zitiertes Gedankenexperiment durchführen: Würde der letzte Mensch auf dieser Erde ein Unrecht begehen, wenn er oder sie die Natur zerstört? Bedenke: Wenn es für den letzten Menschen falsch ist, den gesamten Planeten zu zerstören, dann müssen nicht-menschliche We¬sen an sich wertvoll sein (vielleicht sogar im moralischen Sinne)!
Weiterhin lässt sich fragen: Ist es wirklich ein Widerspruch in sich zu sagen, dass der ästhetische Wert der Natur ein „ästhetischer intrinsischer Wert für uns” ist? Könnte es nicht ästhetische Aspekte der Natur an sich selbst (in einem objektiven Sinn) geben, die zwar nur von uns erkannt werden können, aber in einer Weise, dass wir nicht frei sind zu entscheiden, was wir in der Natur als ästhetisch reizvoll ansehen? “In finding it intrinsically valuable to contemplate something, we respond to qualities which inhere in it, its enormous size or power (giant redwood trees, waterfalls) or its structural complexity (bizarre rock formations), or its freedom from marks of instrumental human activity (the sea, the desert, the sky).” (Krebs 1999: 46) Vielleicht ist unsere ästhetische Praxis eine Voraussetzung dafür, um die Schönheit und Erhabenheit der Natur zu erleben; aber diese besondere Beziehung zwischen uns und der Natur ist gleichwohl ein wesentliches (ontologisches und anthropologisches) Merkmal sowohl unserer eigenen als auch der nicht-menschlichen Natur. Zwar braucht es ein ästhetisches Bewusstsein, um Natur als schön erleben zu können, trotzdem verkörpert Natur eine Schönheit in sich selbst, und wir besitzen nur eine angeborene Anlage, die Schönheit der Natur auch zu empfinden! – Dies alles sind sehr schwierige und komplexe philosophische Fragen, die nicht so einfach zu beantworten sind; und dies gibt uns eine gute Gelegenheit, das Problem der „intrinsischen Werte der Natur” nunmehr aus einer allgemeineren Perspektive heraus zu erörten.
Denn selbst wenn man zustimmen sollte, dass der Natur ein „äs¬thetischer intrinsischer Wert” zukommt, so bedeutet dies noch nicht, dass der Natur ebenso ein „moralischer intrinsischer Wert” zugeschrieben werden muss oder kann! Aus einer anthropozentrischen Perspektive wohnen moralische intrinsische Werte ausschließlich unserer moralischen Kultur inne (und sind niemals außerhalb der menschlichen Gesellschaft zu finden). Deshalb könnte ein anthropozentrischer Philosoph einerseits ästhetische und kontemplative Werte als intrinsische Werte der Natur akzeptieren, aber andererseits verneinen, dass moralische Werte intrinsische Werte der Natur sein können: für ihn sind moralische Werte immer nur auf den Menschen bezogene Werte im Zuge des Gebrauchs von natürlichen Ressourcen oder des Sich-Erfreuens an Naturphänomenen.
Allerdings mag er einräumen, dass die Kontemplation von Natur für das menschliche Leben an sich wertvoll sein kann. In diesem Sinne (und nur in diesem Sinn) trägt dann auch aus anthropozentrischer Sicht der ästhetische Wert der Natur (falls er ein intrinsischer Wert ist) zur Moral(ität) der Menscheit bei, insofern Leben als ein gutes Leben immer auch von moralischer Bedeutung ist. Deshalb tragen ästhetische (als intrinsische) Werte der Natur zumindest in einer indirekten Weise zur Ethik bei, obwohl ästhetische Werte an sich selbst keine ursprünglich moralischen Werte sind. Dies ist in der Tat eine sehr komplizierte Überlegung, aber auch ein typisches Beispiel für abstraktes philosophisches Argu¬mentieren, das zu eigenen Überlegungen herausfordern mag.
Jedenfalls lehnt die anthropozentrische Position nicht prinzipiell alle Gefühle und Empfindungen ab; d. h. sie bezieht sich nicht ausschließlich auf rein materielle Interessen gegenüber der Natur! Besondere Gefühle, die anthropozentrische Denker mit nicht-anthropozentischen Ethikern teilen können, sind vor allem die positiven Gefühle gegenüber der natürlichen Umgebung, in welcher Menschen eine lange Zeit ihres Lebens gelebt haben, weil diese Orte Gefühle von Vertrautheit und Sicherheit bieten. Solche Gefühle sind „Heimatgefühle”. Das Gefühl von Heimat trägt üblicherweise zur Identität derjenigen bei, die in ihr leben (vgl. Krebs 1999: 55). Und ein Gefühl von Entfremdung und Trauer steigt in vielen Menschen auf, wenn sie zu den Orten zurückkommen, an denen sie in der Vergangenheit gelebt haben – und dann erleben sie, dass die Bäume vor dem Haus ihrer Kindheit verschwunden sind, dass die gesamte natürliche Umgebung sich radikal verändert hat. Auch in diesem Falle können anthropozentrische Philosophen der Idee zustimmen, dass Natur erhalten werden sollte, insofern sie ein Teil des Zuhauses von Menschen ist. So gesehen ist die anthropozentrische Sicht also vereinbar mit bestimmten Formen des Idealismus und sogar des Romantizismus (im Sinne von „Heimat”).
Auch kann eine anthropozentrisch orientierte Person Empathie und Mitgefühl gegenüber empfindungsfähigen Tieren empfinden, obwohl sie den empfindungsfähigen Tieren selbst jeden moralischen intrinsischen Wert in sich selbst abspricht. Das Bemühen, Schmerz und Unglück für alle lebenden Wesen zu vermeiden oder zum mindern, ist einem anthro-pozentrischen Menschen nicht unbedingt fremd. Das Mitgefühl mit lebenden Wesen, die Schmerz und Leiden empfinden können, bedarf keiner besonderen ethischen Rechtfertigung, weil dies für die meisten Menschen selbstverständlich ist. Auch ohne ausdrücklich moralischen Respekt gegenüber der Natur kann man die Natur lieben und sie hochschätzen. Deshalb ist die anthropozentrische Sicht nicht gleichzusetzen mit einer „kalten und herzlosen Sicht” auf die Natur. Die anthropozentrische Person kann im Prinzip alle möglichen natürlichen Phänomene und deren Integrität wertschätzen, obwohl sie nicht geneigt ist, der Natur irgendeinen moralischen intrinsischen Wert beizumessen.
Nur wenn die anthropozentrische Position auf eine rein instrumentelle Sicht auf die Natur beschränkt bleibt, wird sie mit einer grausamen und streng materialistischen Sicht von Natur einhergehen. „Nur jemand, der die Natur ohne guten Grund beschädigt oder zerstört, jemand, der eine leere Cola-Dose in einem Feld herumliegen lässt, oder der auf einen Käfer oder eine Pflanze tritt, was ohne Probleme hätte vermieden werden können, verhält sich wie ein Vandale gegenüber der Natur. Im Gegensatz zu diesem Verhalten: Wenn Arbeiter auf einer Baustelle Bäume fällen, um Platz für ein neues Gebäude zu schaffen, tun sie offensichtlich nichts, was ihren Charakter korrumpieren würde. Sie beschädigen nicht mutwillig die Natur.” (Krebs 1999: 58) Ein intelligenter und umsichtiger Anthropozentriker wird hingegen niemals die natürliche Umgebung zerstören – nicht nur aus dem Grund, um die natürlichen Grundlagen seines eigenen Lebens zu schützen, sondern auch aus eudämonischen Gründen, um seine eigenen positiven (ästhetischen und empathischen) Gefühle gegenüber einer intakten Natur zu schützen. So wird sich letztendlich das Verhalten eines Anthropozentrikers nicht allzu sehr von dem eines gemäßigten Nicht-Anthropozentrikers unterscheiden, der der Natur einen moralischen intrinsischen Wert zugesteht.
Nur im Vergleich mit einem mehr fundamentalen oder radikalen („fundamentalistischen“) nicht-anthropozentrischen Ethiker wird der anthropozentrische Ethiker sich unterschiedlich verhalten: er wird möglicherweise eine Küchenschabe in seiner Küche töten, was ein radikaler Nicht-Anthropozentriker, dem die gesamte (lebende) Natur heilig ist, nie¬mals tun würde. Für einen anthropozentrischen Ethiker mag zwar auch eine Küchenschabe einen gewissen ökologischen Wert („Wert” im Sinne von „Funktion”) besitzen, insofern sie Teil der Natur als einem komplexen vernetzten System (das auch von Menschen für ein gesundes und angenehmes Leben benötigt wird) ist, nicht aber einen moralischen Wert in sich selbst. Aus seiner Sicht gibt es keinen Grund, eine einzelne Küchenschabe nicht zu töten; keine moralischen Bedenken werden ihn daran hindern, ein einzelnes Tier auszulöschen. Dies kennzeichnet in der Tat einen klaren Unterschied zwischen einer noch so moderaten anthropozentrischen Sicht und einer radikal nicht-anthropozentrischen Sicht der Natur. Nichtsdestoweniger gilt, wie wir gesehen haben: es gibt verschiedene Möglichkeiten, um in einer anthropozentrischen Weise für „Werte der Natur” zu argumentieren – jedenfalls nicht nur in einer rein instrumentellen oder materialistischen Weise. Andererseits: es lassen sich auch gute Gründe dafür anführen, dass die anthropozentrische Ethik im Ganzen zu engstirnig (da zu menschenzentriert) ist und dass nicht nur Menschen zum moralischen Universum gehören, wie gleich zu sehen sein wird.


