1.4 Naturethik
Die Naturethik behandelt die moralischen Aspekte des Umgangs zum einen mit niederen „empfindungslosen“ Lebewesen (Pflanzen, Pilze, Bakterien usw.), zum andern mit überindividuellen biotischen Entitäten wie Arten, Biozönosen, Ökosystemen und Landschaften. Als „Ethik der Bewahrung“ oder „Erhaltungsethik“ („conservation ethics“) thematisiert sie hier Fragen der Erhaltung von Naturarealen vor der Zerstörung durch den Menschen. In diesem Sinne liefert sie zugleich auch einen Beitrag zum umweltbezogenen Zivilisationsschutz. Als „ethics of nature“ im engeren Sinne geht es ihr um die Bestimmung des moralischen Status der Natur oder größerer Naturzusammenhänge (Ökosysteme). Wir werden noch sehen, dass die Begründung einer Naturethik vor die schwierigsten Probleme stellt. Geht es hier doch nicht um eine auf einzelne Organismen bezogene Individualethik des Schutzes bestimmter Einzelwesen, sondern um überindividuelle Einheiten: etwa um Artenschutz, vielleicht sogar um den Schutz evolutionärer Potenziale oder Prozesse. Die Naturethik ist in diesem Falle „biozentrisch“ (auf alle Lebewesen bezogen) oder „ökozentrisch“ (auf Ökosysteme bezogen) oder sogar „holistisch“ (auf alle Naturgegenstände bezogen) orientiert.
Naturethische Überlegungen berühren hier schwierige naturphilosophische Fragen. Etwa: Besitzt die Natur als Ganze einen moralischen Status? Rangiert das Schutzrecht von Biotopen höher als das Schutzrecht einzelner Organismen und Arten, so dass wir einzelne Organismen oder sogar ganze Populationen zugunsten der Erhaltung größerer Ökosysteme opfern dürfen? – In der Naturethik wird also danach gefragt, ob jede Form von Leben bzw. auch komplexe Naturzusammenhänge – und vielleicht sogar die Natur im Ganzen – von moralischem Wert und daher unbedingt schützenswert ist. Eine solche Ethik (wie immer sie auch im Einzelnen begründet sein mag) sprengt jedenfalls mehr noch als die Tierethik den Rahmen einer Umweltethik, die allein von den Interessen des Menschen ausgeht. Statt anthropozentrisch, ist die Naturethik somit physiozentrisch ausgerichtet.
Werfen wir einen kurzen Blick auf die historische Entwicklung dieser drei Bereiche der Umweltethik:
Historisch ist die Ressourcenethik die älteste Form der Umweltethik. Schon in der frühen Neuzeit fragte man sich, wie man die vorhandenen Naturstoffe – z. B. das Holz der Wälder oder die Eigenschaften von Gewässern – in nachhaltiger (bewahrender) Weise nutzen könnte. Dies gründete in der Erfahrung der Verödung ganzer Landstriche, die man für den Haus- und Schiffsbau total abgeholzt hatte (schon den alten Griechen, die große Flotten unterhielten, ist dies schmerzlich aufgefallen); oder auch in Erfahrungen mit der Verschmutzung von Gewässern, die man zu intensiv etwa für das Gerben von Häuten und das Färben von Textilien genutzt hatte. Einen ersten Höhepunkt fand die ressourcenethische Debatte mit der Erkenntnis der „Grenzen des Wachstums“ in den 1970 Jahren, als der „Club of Rome“ vor der Übernutzung von fossilen Brennstoffen und zahlreicher Metalllagerstätten gewarnt hatte.
Auch die Tierethik besitzt alte philosophische Wurzeln. Schon Immanuel Kant forderte ein Verbot des rohen Umgangs mit empfindungsfähigen Tieren (demgegenüber hatte noch René Descartes, mechanistisch denkend, die Tiere als empfindungslose Maschinen betrachtet). Ein rücksichtsvoller Umgang mit den Tieren könnte zudem zur sittlichen Verbesserung des Menschen beitragen. Sogar der Utilitarist Jeremy Bentham formulierte eine unmittelbare Verpflichtung des Menschen gegenüber leidensfähigen Tieren.
Die Naturethik schließlich, insofern sie als „conservation ethics“ in Erscheinung tritt, geht auf das Zeitalter der Romantik (Ende des 18. bis ca. Mitte des 19. Jahrhunderts) zurück, als die Schönheit von Landschaften erstmals umfassend gewürdigt wurde. Überhaupt ist der Beitrag des ästhetischen Naturgefühls für das Aufkommen der Umweltethik gar nicht hoch genug einzuschätzen. Dies gilt auch heute noch. In der Traditionslinie der romantischen Naturphilosophie bildete sich im 19. Jahrhundert die Heimat- und Naturschutzbewegung in Europa und Nordamerika heraus: hier verbanden sich erstmals Zivilisations- und Technikkritik mit dem nationalen Heimatgedanken und dem Gefühl einer innigen Verbundenheit mit der Natur. Diese Verbindung lebt auch heute noch in diversen Spielarten der Oköphilosophie oder „deep ecology“ sowie der „grünen Bewegung“ fort.


