1.1 Moralisches Interesse und Selbstinteresse

„To have moral concern or respct for others means to place intrinsic value on their good life, to further their happiness for its own sake and not solely for the sake of your own happiness. A self-interested agent, in contrast, accords the happiness of others only instrumental value for his or her own happiness. – That moral concern has something to do with an unselfish regard for the good life of all others is ac­cepted by virtually all contemporary moral theories…”

(Krebs 1999: 16)

Ein besonderes Problem in der Anwendung von Werten ergibt sich nun daraus, dass nicht unbedingt klar ist, was alles zum „moralischen Univer­sum“ gezählt werden darf bzw. muss. Mit eben einem solchen Anwen­dungsproblem hat es auch die Umweltethik zu tun. Umweltethik ist an­gewandte Ethik. Ihre Geltung hängt davon ab, ob der Umwelt der menschlichen Gesellschaft – der Natur also – überhaupt ein moralischer Eigenwert zukommt oder nicht. Dass die Natur für den Menschen wertvoll ist, ist wohl unbestritten. Aber besitzt sie als Ganze oder besitzen zumindest be­stimmte natürliche Entitäten auch einen „Wert an sich selbst“, so wie man dem Menschen als solchem einen Wert an sich selbst zuspricht? Anders gefragt: Kommt der Natur oder gewissen Naturwesen ein intrinsischer (absoluter) Wert zu oder nur ein relativer (abgeleiteter) Wert in Relation zum Wohl des Menschen (sei es eines bestimmten menschlichen Indivi­duums oder sei es der menschlichen Gesellschaft als Ganzer)?

Viele Umweltethiker sind jedenfalls der Ansicht, dass gewissen We­senheiten in der naturhaften Umwelt des Menschen ein solcher autonomer Wert zuerkannt werden muss, der in unserem Umgang mit ihnen respek­tiert werden sollte. Wir werden auf die verschiedenen Begründungen für eine solche Ausweitung der „Gemeinschaft moralfähiger Wesen“ („moral community“) auf die Natur noch näher eingehen (siehe Kapitel 4). Aber auch dann, wenn man sich damit begnügt, der Natur nur in Bezug zum Menschen, zu seinen Bedürfnissen und Interessen, einen indirekten Wert zuzuschreiben, stellt die Umweltethik eine Herausforderung an das ethi­sche, politische und wirtschaftliche Verhalten des Menschen gegenüber seiner natürlichen Umwelt dar, insofern ein Bereich angesprochen wird, in dem neuartige Formen einer Güterabwägung auftreten: etwa wie man mit knappen natürlichen Ressourcen (z. B. fossilen Brennstoffe) verfah­ren soll, deren bedenkenlose Verschwendung zu einem Notstand für künftige Generationen führen kann – das Interesse an unmittelbarer Nut­zung gerät hier in Konflikt mit dem Interesse an einer Vorsorge für die Zukunft. Wir werden darauf noch zurückkommen.

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