1. Drei zentrale Aufgabenfelder der Umweltethik
Ethische Reflexion ist ein essenzieller Bestandteil der praktischen Philosophie. Sie versucht Antworten zu geben auf die Frage: „Was sollen wir tun?“ Ethik zielt darauf ab, dem menschlichen Handeln eine normative Orientierung zu geben. Hierbei kommt dem Verhältnis der handelnden Subjekte zueinander eine besondere Bedeutung zu: nach Maßgabe welcher grundlegender Kriterien soll die Interaktion zwischen Menschen erfolgen? Weiterhin: Wie ist eine gegebene Situation zu beurteilen, um sich in ihr ethisch richtig zu verhalten?
Eine universelle Ethik (wie etwa die von Immanuel Kant) geht davon aus, dass alle moralischen Subjekte grundsätzlich gleichgestellt und nach denselben Kriterien zu behandeln sind. Soziale Unterschiede spielen dabei grundsätzlich keine Unterschiede: vom Standpunkt einer (deontologischen) Ethik aus, die einen universellen Anspruch auf Gültigkeit erhebt, besitzen alle menschlichen (oder vernünftigen) Subjekte den gleichen Wert. Das Handeln aller Menschen ist daher auch denselben Kriterien und „moralischen Imperativen“ zu unterwerfen (vgl. die Ausführungen zu Kant im Kapitel 2). So ist z. B. das Lügen allen menschlichen Subjekten ausnahmslos untersagt. Notlügen mögen unter bestimmten Umständen akzeptabel sein, aber niemals kann Unwahrhaftigkeit prinzipiell gut geheißen werden! Was für den einen Menschen gilt, das gilt auch für jeden anderen Menschen. Und wer von einem anderen Menschen als moralisches Wesen anerkannt und von ihm gerecht behandelt werden möchte, der muss auch seinerseits bereit sein, die Moralität und Würde jedes anderen Menschen zu akzeptieren und ihm in seinem Handeln Gerechtigkeit widerfahren lassen („Prinzip der Gleichheit“ und „Prinzip der Gegenseitigkeit“). Ohne diese Grundsätze gäbe es keine allgemeinen Menschenrechte und wären demokratische Gesellschaften nicht legitimiert.
Ganz allgemein gesprochen: Die Ethik untersucht, was im individuellen und sozialen Leben sowie im Verhältnis zur Welt wertvoll ist, insofern ethisches Verhalten immer in der Verwirklichung ethischer Werte besteht. Zwar ist nicht von vornherein klar, welches genau die Werte sind, die für alle Menschen (oder moralischen Wesen) gelten und wie im Einzelnen Gerechtigkeit zwischen den Menschen herrschen kann (Was genau bedeutet etwa „Verteilungs¬gerechtigkeit“? Was „Leistungsgerech¬tigkeit“?); dennoch gibt es gewisse ethische Grundsätze, auf deren Ak¬zeptanz eine globalisierte Welt nicht verzichten kann, wenn sie in Frieden leben will: die Charta der Menschenrechte liefert hierfür eine Grundlage. Bestimmte ethische Werte der Gesinnung (inneren Haltung) und des Ver¬haltens sind notwendig, damit ein harmonischer sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Verkehr der Menschen und der Nationen verbindlich geregelt und auf Dauer aufrechterhalten werden kann.
Wie jedoch die Geltung bestimmter Grundwerte – wie etwa Freiheit, Gleichheit und Solidarität – genau zu interpretieren ist, das bedarf häufig der Aushandlung auf interpersoneller, interkultureller oder internationaler Ebene. Nicht selten kommt es bei der Interpretation auch hochrangiger Werte wie der Menschenrechte zu Interessen- und Wertkonflikten: etwa dann, wenn die Weltsicht verschiedener Menschen von unterschiedlichen religiösen, ethnischen oder politischen Ansichten geprägt ist, die nicht kompatibel miteinander sind. Auch sind die Begründungen derselben Werte oftmals verschieden, wenn von verschiedenen philosophischen und weltanschaulichen Hintergründen ausgegangen wird, was zu unterschied¬lichen Priorisierungen der Werte (innerhalb der Werte-Hierarchie) und Konsequenzen für das Verhalten führen kann: so stellt sich ein Wert wie „Solidarität“ von einer utilitaristischen Position aus anders dar wie von einer kantianischen oder christlichen Warte aus.

