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3.3.1 Verschiedene nicht-anthropozentrische Positionen
Wouter Achterberg (1994: 182 ff.) unterscheidet drei Arten von in¬trinsischen Werten. Hierin folgt er Taylor (1986: 72 ff.; auch 1984: 150 ff.)
„Intrinsischer Wert“ bezieht sich
a) auf das, was direkt erfahren wird, was als befriedigend empfunden wird, angenehm oder wertvoll IN SICH SELBST ist (z. B. Vergnügen und Glück in Übereinstimmung mit den klassisch hedonistischen Utilitaristen);
b) oder auf den Wert, der Orten oder Objekten mit ästhetischer, historischer, kultureller oder sogar sentimentaler Bedeutung von Menschen gegeben wird, oder
c) auf die Tatsache, dass Wesen bestimmte typische Merkmale aufweisen, aufgrund derer sie moralische Achtung verdienen (ist eine Haltung von moralischem Respekt gegenüber diesen Wesen angemessen?).
Zurück zur nicht-anthropozentrischen Sicht: Die nicht-anthropozen¬trische Seite der Umweltethik kann sich sehr unterschiedlich darstellen. In dem vorliegenden Buch ist soll auf die vier wichtigsten Ansätze nicht-anthropozentrischer Theorien eingegangen werden:
1. Pathozentrismus
2. Biozentrismus
3. Ökozentrismus
4. Holismus.
Jeder dieser Theorieansätze beschäftigt sich mit der Frage, welche Elemente der Natur bzw. der Umwelt Anwärter auf einen moralischen Status sind und wie die Argumentation dafür aussieht, dass ihnen ein moralischer Status verliehen werden kann. Die Argumente, die dabei vorgebracht werden, sind häufig von der Art, wie wir sie bereits bei der Behandlung der wichtigsten ethischen Theorien kennengelernt haben. Jede Art von Theorie hat ihre Vertreter. Einige der wichtigsten werden in der nachstehenden Übersicht kurz vorgestellt.
| ART DER THEORIE | ANWÄRTER | ARGUMENT |
VERTRETER
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PATHOZENTRISMUS Utilitarismus, Konsequentialismus, Sentientismus
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Alle leidensfähigen Wesen. Alle Wesen, die „empfindungsfähig“ sind. |
Die Gesamtbilanz von Lust versus Schmerz: Ein einzelnes Tier hat einen moralischen Status insofern, als der individuelle Schmerz und/oder Lust Teil der Summe von Lust und/oder Schmerz ist. |
Peter Singer |
| Deontologie | Einzelne Tiere haben einen moralischen Status (inhärenten Wert), insofern sie „Subjekte” mit Interessen sind. | Tom Regan | |
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BIOZENTRISMUS Deontologie |
Alle lebenden Wesen |
Organismen haben moralischen Status, weil sie intrinsischen Wert haben. Sie versuchen, das Beste für sich zu erreichen. |
Paul Taylor |
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Konsequentialismus
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Alle lebenden Wesen haben moralischen Status, weil sie ihren eigenen Nutzen verfolgen; aber es gibt eine Hierarchie: Einige lebende Wesen besitzen intrinsischen Wert in höherem Maße als andere.
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Robin Attfield | |
| ÖKOZENTRISMUS |
Alle Organismen einschließlich ökologischer Systeme |
Menschen und alle anderen Organismen haben moralischen Status, weil sie ein Recht darauf haben, dass es ihnen gut geht. |
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| HOLISMUS |
Alle natürlichen Dinge |
Das Ganze (die Natur) besitzt moralischen Status. |
Aldo Leopold |
(1) Die pathozentrische Theorie
Diese Theorie besagt, dass es moralisch falsch ist, Tieren Leid zuzufügen. Nicht nur Menschen können Lust oder Schmerz empfinden, auch Tiere sind dazu in der Lage. Tiere sind mit Menschen gleichgestellt; sie sind beide empfindungsfähig. Innerhalb des „Sentientismus” kannst du Autoren mit einer konsequentialistischen oder mit einer deontologischen Ar-gumentationsweise finden.
Peter Singer (1993) ist ein bekannter Utilitarist. Utilitarismus, eine der konsequentialistischen Theorien, konzentriert sich auf die Balance zwischen Lust und Schmerz als solche. Eine Handlung kann die Interessen von fühlenden Wesen beeinträchtigen. Die Interessen aller empfindungsfähigen Wesen, also auch der nicht-menschlichen, sollten gleichermaßen berücksichtigt werden, wenn eine Handlung als moralisch richtig oder falsch bewertet wird.
Singer und andere Utilitaristen argumentieren, dass die Erfahrung von Lust oder die Befriedigung von Interessen als solche einen intrinsischen Wert besitzen, nicht die beteiligten Wesen selbst. Für Utilitaristen wie Singer sind nicht-fühlende Objekte in der Umwelt wie Pflanzen, Flüsse, Berge und Landschaften nicht von intrinsischem, sondern allenfalls von instrumentellem Wert für die Befriedigung der empfindungsfähigen Lebewesen. Letztendlich führen die utilitaristische Überlegungen zu dem Schluss, dass eine Handlung, die einzelnen Tieren Schaden zufügt, ethisch richtig sein kann, insofern die Interessen eines anderen Lebewesens die des betroffenen Tieres überwiegen.
Tom Regan (1983) hat stattdessen eine deontologisch motivierte ethische Argumentation vorgebracht. Er argumentiert, dass einige Tiere einen intrinsischen Wert besitzen, den er als „inhärenten Wert” bezeichnet. Diese Tiere haben das moralische Recht auf eine respektvolle Behandlung. Sie sollten nicht nur wie ein Mittel zu einem anderen Zweck behandelt werden. Nur solchen Tieren, die ein subjektartiges Leben führen, kommt ein intrinsischer Wert zu. Für Regan ist Subjekthaftigkeit eine hinreichende (obwohl nicht notwendige) Bedingung, um ihnen einen intrinsischen Wert zuzusprechen; subjekthaft zu leben bedeutet dabei unter anderem, neben sinnlichen Wahrnehmungen auch Überzeugungen, Wünsche, Motive, ein Gedächtnis, ein Bewusstsein von der Zukunft und eine zeitbeständige psychische Identität zu besitzen.
(2) Die biozentrische Theorie
Einige Autoren haben einen erweiterten Ansatz für individuelles Wohlergehen und die intrinsische Wertschätzung von natürlichen Wesenheiten vorgeschlagen, indem sie argumentieren, dass allen Organismen ein intrinsischer Wert zukomme, insofern sie bestrebt sind, das Beste für sich erreichen – ungeachtet, ob diese Organismen über ein Bewusstsein verfügen oder nicht. Paul Taylors Version dieser Sicht (1981 und 1986), die wir „Biozentrismus“ nennen können, ist ein Beispiel für deontologisches Denken.
Anders als der egalitäre und deontologische Biozentrismus von Taylor tritt Robin Attfield (1987) für eine hierarchische Sichtweise ein, die besagt, dass zwar alle Wesen, die einen eigenen Wert in sich selbst haben, intrinsischen Wert besitzen, dass jedoch einigen von ihnen (z. B. menschlichen Personen) ein intrinsischer Wert in höherem Maße zukomme. Attfield befürwortet damit eine besondere Form des philosophischen Konsequentialismus, der die zahlreichen (und möglicherweise einander wiedersprechenden) Nutzwerte („goods”) verschiedener lebendiger Dinge berücksichtigt und auszugleichen versucht.
(3) Die ökozentrische Theorie
Nach Wouter Achterberg bedeutet Ökozentrismus, dass natürliche Wesen die Freiheit zu einer guten Entwicklung bzw. zu einem Leben frei von menschlichen Eingriffen haben sollten. Ökozentrismus erkennt den moralischen Status von Menschen und ebenso aller anderen Organismen an. Darüber hinaus verdient die Natur auch auf höheren Ebenen als der ein¬zelner Organismen, z. B. auf der Ebene von Arten und Ökosystemen, unseren moralischen Respekt.
(4) Die holistische Theorie
Nach Wouter Achterberg gibt es zwei mögliche Wege, unsere moralische Fürsorge auf kollektive Entitäten, z. B. Ökosysteme, auszudehnen: Einer davon geht von kognitiven Anpassungsprozessen aus: Wir müssen unsere Wahrnehmung von der Werthaftiglkeit komplexer natürlicher Entitäten (Wesenheiten) so verändern, das sie selbst gewöhnliche Organismen einschließt. Ein Beispiel dieses ökozentrischen Ansatzes ist die „Landethik” von Aldo Leopold. Sie ist keine eigentlich philosophische Theorie, aber sehr inspirierend. Über Landethik kannst du in dem letzten Kapitel von „A Sand Count Almanac“ (siehe Literaturverzeichnis) einiges Lesenswertes finden.
Nach Achterberg legen die Bemerkungen Leopolds von einem ethischen Holismus Zeugnis ab: dem Ökosystem (Land) als Gesamtheit kommt ein moralischer Status zu. Im Kern ist damit gesagt:
• Das „Land” (sozusagen als Metapher für Natur) ist eine Gemeinschaft voneinander abhängiger Elemente;
• das Land als eine ökologische Gemeinschaft und deren Bestandteile selbst müssen mit moralischem Respekt behandelt werden; und
• das Land als solches besitzt einen (intrinsischen) Wert, der weit über seinen ökonomischen und den instrumentellen Wert für uns Menschen hinausreicht – ein Wert im philosophischen Sinn: das bedeutet so viel wie „intrinsischer Wert”.
Die zentrale These Leopolds kommt in dem Satz zum Ausdruck: „Examine each question (of land use, WA) in terms of what is ethically and esthetically right, as well as what is economically expedient. A thing is right when it tends to preserve the integrity, stability, and beauty of the biotic community. It is wrong when it tends otherwise.”
Leopold gebraucht hier zwei Metaphern: Das Land als (soziale) Ge¬meinschaft und das Land als lebender Organismus. Die erste Metapher betont die relative Unabhängigkeit der Elemente des Ökosystems und ihren moralischen Status. Die zweite unterstreicht die gegebene systemische „Kohäsion”: das Ökosystem.
Wouter Achterberg unterscheidet in diesem Zusammenhang drei Arten von Holismus, um die Position von Aldo Leopold zu verdeutlichen: den metaphysischen, den methodologischen und den ethischen Holismus.
Der metaphysische Holismus betrachtet das „Ganze” als genauso wirklich wie seine Teile. Methodologischer Holismus besagt, dass es, um das Ganze (z. B. das Ökosystem) zu verstehen, nicht genügt, die Teile, aus denen es besteht, getrennt voneinander zu betrachten. Dem ethischen Holismus zufolge schließlich müssen einige dieser „Gesamtheiten“ unsere moralische Achtung verdienen, da sie einen moralischen Status innehaben (ebenso wie einige Firmen einen legalen Status haben, unabhängig vom rechtlichen Status der einzelnen Aktionäre). Der ethische Holismus benötigt deshalb nicht den metaphysischen und den methodologischen Holismus als Basis. Für Achterberg belegt Aldo Leopolds „Sand County Almanac“ einen ethischen Holismus, vielleicht noch einen methodologischen, aber keinen metaphysischen Holismus.


