2.3 Ebene des Umweltschutzes

Auf dieser Ebene geht es um die Behandlung einzelner Fälle von Umweltbelastung oder Umweltzerstörung bzw. von Umweltschutz mit Hilfe konkreter Maßnahmen. Diese Maßnahmen sind in erster Linie technischer Art. Das konkrete Umweltmanagement steht im Vordergrund, womit das Know-how der praktischen Umweltexperten (Umwelttechniker usw.) gefragt ist. Die Umweltethik kann nun zwar nicht unmittelbar zur technischen Lösung von Umweltproblemen beitragen, sie kann aber nach dem Sinn solcher technischer Maßnahmen und nach ihrer normativen Legitimation fragen sowie bei der Abwägung zwischen verschiedenen technischen Lösungen behilflich sein, insofern die Eingriffstiefe, die Kosten und die möglichen unerwünschten Nebenwirkungen der verschiedenen Maßnahmen unterschiedlich sind. Die Durchführung technischer Ma߬nahmen erfolgt ja nicht im ethikfreien Raum: stets werden kollektive und individuelle Rechtsgüter berührt, zumal solche Maßnahmen niemals allen Interessen der Betroffenen gerecht zu werden vermögen. Wer hat das Nachsehen? Wer trägt die Kosten? Wie nachhaltig sollte die Wirkung einer Maßnahme sein? Gerade bei dieser Abwägung kann es zu Konflikten zwischen einer mehr anthropozentrischen und einer mehr physiozentrischen Sichtweise kommen. Was ist hier wirklich (und vorrangig) schutzwürdig? Die menschliche Wohlfahrt oder die von Tieren und Pflanzen beispielsweise?

Weiterhin: Ist die Maßnahme überhaupt geeignet, wenn das zur Bewältigung anstehende Umweltproblem sehr komplex und der Erfolg der Maßnahme unsicher ist? Technisches Hineinhandeln in komplexe Naturzusammenhänge (Ökosysteme) geschieht immer mit einer gewissen Unsicherheit, ob sich der gewünschte Erfolg überhaupt einstellen wird oder ob nicht vielleicht unerwünschte (und unvorhergesehene) Effekte überwiegen werden. Die Abschätzung technologischer Effekte ist im Freiland weitaus schwieriger als im geschlossenen Labor. Eingriffe in die Natur sind auch dann, wenn sie einer Renaturierung oder dem Auffangen von Umweltbelastungen (etwa durch Verschmutzung der Luft, des Wassers oder des Bodens) dienen, stets Realexperimente mit der Natur, deren Folgen mitunter nicht revidierbar sind. Es gibt daher Dissens unter den Umweltethikern, welche Bedeutung ökonomischen und ökologischen Methoden überhaupt bei der Behandlung von Umweltproblemen zukommt: insbesondere die Ökologie erscheint vielen Umweltethikern als „weiche Wissenschaft“ („weak science“) mit nur geringer Vorhersagekraft. Häufig wird auch die quantitative (geldmäßige) Bewertbarkeit von Effekten in Kritik gezogen: Wie hoch soll man etwa die „Kosten“ für das Aussterben einer bestimmten Insektenart im Regenwald des Amazonas veranschlagen? Lässt sich so etwas überhaupt in Zahlen ausweisen?

Auch die Frage, worin genau das angebliche Umweltproblem eigentlich besteht und wie dringlich seine Lösung ist, kann umweltethische Überlegungen auf den Plan rufen. Diese Frage geht ja über rein technische Aspekte hinaus und betrifft normative Aspekte, mit denen es die Umweltethik genuin zu tun hat. Was ist überhaupt eine „gute Praxis“ im Umweltmanagement? Bevor man Risikoanalysen betreibt, ist ja normativ zu klären, was überhaupt ein wirkliches Risiko ist (dies ist eine Frage der Risikowahrnehmung). Und bevor man sinnvoll eine „Kosten-Nutzen-Analyse“ durchführen kann, muss klar sein, welche Werte überhaupt im Spiel sind und was etwa eine „intakte Umwelt“ uns, der Gesellschaft, wert ist und welche Kosten wir mithin für ihren Erhalt aufzubringen bereit sind! Auch das Ranking der Werte, die zur Diskussion stehen, muss zuvor bestimmt worden sein. Und nach welchen normativen Kriterien sollte man überhaupt „Naturwerte“ charakterisieren? Utilitaristisch nach dem Nutzen für den Menschen? Oder doch eher deontologisch (auf einen inhärenten Selbstwert der Natur hin bezogen)? An dieser Stelle spätestens kommen wieder jene umweltethischen Fragen ins Spiel, die bereits auf dem höheren „philosophical level“ einschlägig waren.

Ferner: Auch die Frage, was eigentlich ein gutes Umweltschutzziel ist bzw. woran der Erfolg einer Maßnahme sichtbar werden kann, ist häufig weder wissenschaftlich noch ethisch leicht zu beantworten. Manche Um¬weltethiker, die vom Ökosystem-Gedanken herkommen, meinen, dass das Gleichgewicht der Natur („balance of nature“), dessen Erhaltung oder Wieder¬gewinnung, das Hauptziel des Umwelt- und Naturschutzes sein sollte. Doch ist nicht immer klar, wann wir überhaupt von einem stabilen und gleichgewichtigen Ökosystem sprechen können, und wo genau die Grenzen der Belastbarkeit eines stabilen Systems (etwa des globalen Klimas oder eines Korallenriffs) liegen. Auch ist fraglich, ob nicht viel¬leicht in der Natur immer wieder auftretende Ungleichgewichte und Instabilitäten im Prinzip sogar wünschenswert sind, weil dadurch Wandel und Evolution begünstigt werden. Ist es nicht vielleicht so, dass gerade Intabilitäten der Motor der Evolution sind und langfristig stabile Systeme eher die Ausnahmen in der Natur bilden? Auf diese und andere schwier¬ige Fragen wird das 6. Kapitel in diesem Buch noch näher eingehen.

Umgekehrt ist es für die Umweltethik, für ihren möglichen Beitrag zur Lösung konkreter Umweltprobleme, wichtig zu wissen, welche na¬turwissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten (Methoden, Instrumente usw.) tatsächlich zur Verfügung stehen, um zum einen die spezifische Beschaffenheit eines bestimmten Umweltproblems messen oder sonstwie bestimmen zu können, und um zum andern den Erfolg einer durchgeführten Maßnahme feststellen zu können. Es nützt ja wenig, wenn z. B. ethisch klar ist, dass jeder Mensch ein Anrecht auf sauberes Trinkwasser hat, aber keine Methoden dafür vorhanden sind, um die Qualität des Wassers zu bestimmen und Grenzwerte für seine Belastbarkeit fest-zulegen sowie die tatsächliche Einhaltung dieser Toleranzschwellen auch messbar und wirksam kontrollieren zu können. Die Einlösung von normativen Forderungen seitens der Umweltethiker bedarf also der Methoden des technischen Umweltschutzes. Ethische Normen müssen oftmals erst in technisch kontrollierbare Normen (z. B. Grenzwerte) übersetzt werden, um praktische Bedeutung zu erhalten. Aus diesem Grunde gibt es unter den Umweltethikern nicht wenig Streit, wie weit sich die Umweltethik verwissenschaftlichen sollte. Klar dürfte aber sein, dass eine moderne (synthetische) Umweltethik weder an den Erkenntnissen der wis-senschaftlichen Ökologie noch an den technologischen Möglichkeiten des praktischen Umweltschutzes vorbeigehen kann.

Als angewandte Ethik ist die Umweltethik auf die Resultate der empirischen Wissenschaften angewiesen, wenn es darum geht, realistische Forderungen und Perspektiven zu formulieren. Zwar lässt sich das Sollen nicht vom Sein ableiten (wie ein alter philosophischer Grundsatz lautet), weil ethische Prinzipien grundsätzlich aller Empirie (Erfahrung) vorausgehen und universell gelten wollen, aber gleichwohl ist die Reichweite der Umweltethik abhängig von wissenschaftlichen Erkenntnissen: die Frage etwa, welche natürlichen Entitäten (Wesenheiten) zu den „moralischen Akteuren“ („moral agents“) bzw. zur „Gemeinschaft moralfähi¬ger Wesen“ („moral community“) zu zählen sind und welche nicht, dies kann nicht nur intuitiv entschieden werden. Ob z. B. ein Fadenwurm ein Nervensystem besitzt und dadurch möglicherweise leidensfähig und mithin aus pathozentrischer Sicht schutzwürdig ist, das kann nur im Zuge einer biologischen Untersuchung festgestellt werden. Auch die Frage, welche Faktoren und in welchem Ausmaß für das Umkippen des Weltklimas verantwortlich sind (wirklich hauptsächlich „anthropogene“ Faktoren?), muss erst durch eine genaue Analyse des Klimawandels geklärt werden, bevor die wirklichen „Klimasünder“ namhaft gemacht und zur Verantwortung gezogen werden können.

Aber natürlich kann die Umweltethik auch schon vorher auf mögliche Risiken und Verursacher hinweisen und entsprechende Untersuchungen und Vorsichtsmaßnahmen bei Emissionen einfordern, indem sie auf die Verpflichtung zur Erhaltung günstiger Lebensbedingungen für alle Menschen auf dieser Erde und auch für alle sonstigen Arten pocht. Angesichts einer unklaren Ursachenlage zur Vorsicht zu mahnen und anthropogene Emissionen sicherheitshalber zurückzufahren, dies kann durchaus ein umweltethisches Gebot sein! Gleichwohl werden sich umweltpolitische und umweltrechtliche Entscheidungen niemals allein auf umweltethische Forderungen und Bedenken stützen können, sondern zu ihrer Legitimation immer auch der wissenschaftlichen Expertise und der Möglichkeiten des technischen Umweltschutzes bedürfen.

Die Umweltethik ist in jedem Falle eine gewichtige Stimme, wenn es darum geht, unser Verhältnis und Verhalten gegenüber der Natur zu bestimmen. In praktischer Hinsicht wird sie sich dabei – jenseits aller in¬ternen Positionskämpfe – an den Ideen der Gerechtigkeit für alle schutzwürdigen Wesen (wie weit auch immer über den Menschen hinaus) und der ökologischen Nachhaltigkeit (zur Bewahrung des natürlichen Erbes über die Zeit hinweg) zu orientieren haben. Die von der Umweltethik entwickelten Leitbilder der Nachhaltigkeit (besonders für die Ressourcenethik), des artgerechten Umgangs mit Tieren (Tierethik) und der intakten Naturlandschaft (Naturethik), gelten dabei nicht nur für sie selbst, sondern sollen das Handeln des Menschen gegenüber der Umwelt anleiten. Die Umweltethik bildet damit die Grundlage für jede Umweltbil¬dung. Auf der philosophischen Ebene bietet die Umweltethik Begrün¬dungen für verschiedene Bereiche des Umwelthandelns an, die von uns allen auf der politischen und kasuistischen (einzelfallbezogenen) Ebene individuell oder kollektiv umgesetzt werden sollen. Die Umweltethik ist und bleibt daher eine anhaltende Herausforderung an die moderne Gesellschaft, indem sie nachdrücklich für einen behutsamen und ethisch sensiblen Umgang mit der Natur eintritt.

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